Programm

WALDHEIMS WALZER

Ruth Beckermann

Österreich, 2018 / 93 min / Deutsche Originalfassung mit französischen Untertiteln (DE OF mit FR UT) / Dokumentarfilm

In Zusammenarbeit mit dem Institut Pierre Werner und der Vertretung der Europäischen Kommission in Luxemburg

Waldheims Walzer dokumentiert, wie während des Wahlkampfs des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim um das Amt des österreichischen Bundespräsidenten im Jahr 1986

die Lücken in dessen Kriegsbiografie vom Jüdischen Weltkongress in New York aufgedeckt wurden. Obwohl er dies leugnete, zeigten neu veröffentlichte Dokumente eindeutig, dass Waldheim als Offizier der Wehrmacht im besetzten Griechenland an der Massendeportation von Juden beteiligt war. Diese Anschuldigungen führten in Österreich zu nationalem Schulterschluss, antisemitischen Ausschreitungen – und schließlich zu Waldheims Wahl. Mit internationalem Archivmaterial sowie selbst gedrehten Videoaufnahmen analysiert Ruth Beckermann den Zusammenbruch der österreichischen Lebenslüge, „erstes Opfer der Nazis“ gewesen zu sein. Ein Film über die Mechanismen der Mobilisierung hetzerischer Gefühle, über Lügen, Wahrheit und „alternative Fakten“, der es mühelos gelingt den Bogen zu zeitaktuellen Themen der postfaktischen Ära in der wir leben zu schlagen.

„Als ich das Material, das ich vor 30 Jahren bei Demonstrationen gegen Waldheim gedreht hatte, wieder sah, war ich schockiert. Hatte ich vergessen, wie leicht Emotionen gegen andere geschürt und von populistischen Politikern benutzt werden können? In Waldheims Walzer versuche ich zu analysieren, was damals los war. Und was uns heute leider bekannt vorkommt, wenn wir an Trump, Kurz, Strache und andere Meister der „alternativen Fakten“ und des Populismus denken.“ Ruth Beckermann

Festivalbesucher/-innen sind auf einen öffentlichen Umtrunk um 18:00 Uhr, vor der Vorstellung eingeladen. Nach dem Film steht Gregor Schusterschitz, Österreichischer Botschafter in Luxemburg, für eine Frage- und Antwortrunde zur Verfügung.

Das Institut Pierre Werner (IPW) ist ein europäisches Kulturinstitut, das den kulturellen und intellektuellen Gedankenaustausch zwischen seinen drei Gründungsländern Deutschland, Frankreich, Luxemburg und weiteren europäischen Staaten fördert.

Die Hauptaufgabe der Europäischen Kommission in Luxemburg besteht darin, den Interessengruppen, Medien und Bürgern der EU-Politik zu vermitteln und die Kommission über nationale Entwicklungen zu berichten

Vorstellungen

„Es ist eine der Stärken des Films, wie er uns in einer über dreißig Jahre zurückliegenden zeitlich und regional begrenzten Episode konzentriert den Kosmos an Verlogenheiten und Schuldzuschreibungen vorführt, die in den letzten Jahren wieder manifest wurden. Dabei zeigt sich wie im Vergrößerungsglas auch die Funktion des Opfermythos bei der Herstellung kollektiver Identität. Der war im Land des Wiener Walzers sicherlich besonders ausgeprägt. […] Beckermann und Cutter Dieter Pichler geben den einzelnen Redesituationen ausreichend Raum, sich argumentativ zu entfalten. Und dem von der Regisseurin im persönlichen Ton gehaltenen und auch selbst gesprochenen Kommentar gelingt es klug, die eigentlich problematische Doppelrolle als Akteurin und Filmemacherin zur selbstreflexiven Bereicherung des Films zu wenden.“ Silvia Hallensleben, Der Tagesspiegel, 8/10/2018

„Angesichts der Erfolge von Donald Trump, Marine Le Pen, der AfD in Deutschland und einer Koalition von ÖVP und FPÖ in Österreich bekommen die Kontroversen um den ehemaligen UNO-Generalsekretär noch einmal eine andere Bedeutung. […] So erweist sich Beckermanns Film als eindringliche und gerade heute wieder aktuelle Illustration von Brechts Diktum: »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.«“ Sascha Westphal, epd Film, 21/09/2018

„Es ist die Rache des Archivs, die Ruth Beckermann in ihrer beflügelten Doku entfesselt und zu einem treffsicheren Kompilationsfilm verdichtet. […] Konservative bürgerliche Eliten und polternder Pöbel als kommunizierende Gefäße: In der Montage aktualisiert Beckermann ihre historische Bestandsaufnahme für unsere Gegenwart und deren Rechtspopulismus. Waldheims Walzer ist übrigens auch Österreichs Einreichung für den Auslandsoscar. Gut vorstellbar, dass gerade die Amerikaner viel damit anfangen können. Denn Beckermanns Found-Footage-Doku ist nicht nur brisant politisch, sondern auch packend, pointiert und immens unterhaltsam.“ Alexandra Seibel, Kurier, 3/10/2018

„Die Verbindungen zur Gegenwart und zu den aktuellen internationalen Protesten gegen Trump sowie seine populistischen Kollegen (Erdogan, Assad etc.) sind offensichtlich: Damals wie heute führen Halbwahrheiten, "fake-news", Beschönigungen und manipulativ eingesetzte Nachrichten zu einer Spaltung der Gesellschaft. Auf diese Weise schlägt Waldheims Walzer auf ebenso dringliche wie beeindruckende Weise den Bogen in unsere heutige Zeit. […] Akkurat recherchierte und aufwendig aufbereitete, unbedingt sehenswerte Doku über einen Politskandal, der für viele Jahre ein ganzes Land erschütterte.“ Björn Schneider, spielfilm.de, Oktober 2018

 

Awards
  • Glashütte Original Documentary Award, Berlin International Film Festival, 2018 (Germany)
  • Honourable Mention – Best International Film, DocAviv Festival, 2018 (Israel)
  • Audience Award, Atlàntida Film Fest, 2018 (Spain)
  • Best Documentary, Austrian Film Award, 2019 (Austria)
Cast & Credits
Darsteller 
Kurt Waldheim, Ruth Beckermann, Josef Aichholzer, Israel Singer, Edgar Bronfman, Josef Broukal, John Bunzl, Hubertus Czernin, Michaela Englert, Hajo Funke
Drehbuch 
Ruth Beckermann
Ton 
Manuel Grandpierre, Rudi Pototschnig
Produktion 
Ruth Beckermann Filmproduktion
Biografie

Ruth Beckermann wurde 1952 als Tochter Holocaustüberlebender in Wien geboren, wo sie auch ihre Kindheit verbrachte. Nach ihrem Studium der Publizistik und Kunstgeschichte in Wien, Tel Aviv und New York promovierte die heutige Vorsitzende der Interessengemeinschaft Österreichischer Dokumentarfilm 1977 an der Universität Wien in Philosophie. 1978 gründete sie mit zwei Kollegen den Verleih Filmladen mit und begann ihre Karriere als unabhängige Filmemacherin und Autorin. In ihrem filmischen Werk beschäftigt sie sich immer wieder mit jüdischen Erzählungen von Verlust und Identität. Ihr Dokumentarfilm Jenseits des Krieges (1996) über deutsche Weltkriegsveteranen trug entscheidend zur Dekonstruktion des Mythos der „guten Wehrmacht“ bei. 2018 lief bereits ihr Dokumentarfilm Die Geträumten auf dem Luxembourg City Film Festival.

Filmografie
  • 2018 – Waldheims Walzer (Dokumentarfilm)
  • 2016 – Die Geträumten (Dokumentarfilm)
  • 2013 – Those Who Go Those Who Stay (Dokumentarfilm)
  • 2012 – Jackson/Marker 4AM (Kurzfilm)
  • 2011 – American Passages (Dokumentarfilm)
  • 2006 – Mozart Enigma (Kurzfilm)
  • 2001 – Homemad(e)
  • 1999 – Ein flüchtiger Zug nach dem Orient (Dokumentarfilm)
  • 1996 – Jenseits des Krieges (Dokumentarfilm)
  • 1991 – Nach Jerusalem (Dokumentarfilm)
  • 1987 – Die papierene Brücke (Dokumentarfilm)
  • 1986 – Der Igel (Kurzfilm)
  • 1983 – Wien Retour (Dokumentarfilm)
  • 1978 – Auf amol a Streik (Dokumentarfilm)
  • 1977 – Arena besetzt (Dokumentarfilm)