Programm

REGELN AM BAND, BEI HOHER GESCHWINDIGKEIT

Yulia Lokshina

Deutschland, 2020 / 92 min / Deutsche Originalfassung / Dokumentarfilm

Eine vielschichtige Dokumentation über den ausufernden Kapitalismus und die Zustände in der Fleischproduktionsfirma Tönnies.

In der westdeutschen Provinz kämpfen osteuropäische Leiharbeiter/-innen des größten Schweineschlachtbetriebs des Landes gegen entwürdigende Arbeitsverhältnisse, unterstützt von Aktivist/-innen, die sich für deren Rechte einsetzen. Zur gleichen Zeit proben Münchner Gymnasiast/-innen Bertolt Brechts Stück „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“ – das sich schon 1931 mit Marktmacht und Monopolbildung und der Ausbeutung und Aussperrung von Arbeiter/-innen beschäftigte – und reflektieren über die deutschen Wirtschaftsstrukturen und ihr Verhältnis dazu. Verwoben mit den Gedankengängen der Jugendlichen und ihrer Auseinandersetzung mit dem Text in den Proben erzählt der Film in unterschiedlichen Fragmenten über Bedingungen und Facetten von Leiharbeit und Arbeitsmigration in Deutschland. 

Ein Film über den Zustand der Arbeit und Fragen der Moral, wo offene Landes- und Marktgrenzen für die einen Gefahr und für die anderen Zugang zu Kapital bedeuten.

 

Die Schulvorstellung am 08/03 um 9:00 Uhr musste leider abgesagt werden.

Vorstellungen
Do 04/03 09:00 Online DE OF Scolaire https://www.luxfilmfest.lu/fr/inscriptions-filmsateliers
Fr 05/03 09:00 Kinepolis Kirchberg DE OF | KOSTENLOS Public https://luxfilmfestfilms.megatix.be/en/HO00003281

„Yulia Lokshina gibt uns mit ihrem Film einen erschreckenden Einblick in den Alltag der Leiharbeiter. Sie kommen für ein paar Wochen, werden schlecht bezahlt und wohnen in elenden Verhältnissen. Sie haben keine Lobby, keine Gewerkschaft, die für sie kämpft. Und niemand fragt nach den Umständen, wenn jemand bei einem Arbeitsunfall sein Leben verliert. So wie im Fall des tödlich verunglückten Polen, dessen Schicksal Yulia Lokshina im Prolog ihres Filmes erzählt. […] Verwoben mit den Gedankengängen der Jugendlichen beschreibt der Film nicht nur die unterschiedlichen Facetten der Leiharbeit, sondern erzählt auch von unserer Verständnislosigkeit und unserer Scham angesichts einer Parallelwelt, die wir nicht kennen, obwohl viele von uns fast täglich beim Einkaufen und Essen mit ihr in Berührung kommen.“ Christof Boy, ARD – Titel Thesen Temperamente, 29/06/2020

„Von der ersten Minute an ist klar: Mit einem guten Gewissen wird keiner den Kinosaal verlassen – und das ist gut so. […] Der Ton bleibt nüchtern, der Film ist nicht auf Drama angelegt. Statt eine Empörungswelle anzuschieben, gelingt es der Filmemacherin, für die verzweifelte Lage der Leiharbeiter aus Osteuropa Bewusstsein zu schaffen. […] Der Film will nicht belehren; doch der bleibenden Frage, was jeder Einzelne an dieser Situation ändern könnte, durch anderes Konsumverhalten etwa, kann sich niemand entziehen.“ Hélène Maillasson, Saarbrücker Zeitung, 23/01/2020

„In exzellenten Bilder und genau komponierter Dramaturgie zeigt Lokshina westfälische Fleischfabriken und die schlechte Behandlung der Menschen, oft Migranten, die dort arbeiten – mitten in Deutschland glaubt man plötzlich, die Dritte Welt zu sehen.“ Rüdiger Suchsland, Berliner Zeitung, 26/01/2020

 

„Ihr Film Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit ist eine raffinierte Studie über Wirtschaftsstrukturen, Konsumverhalten und Fragen der Verantwortung. Plötzlich hat Lokshina damit aber den Film zur Stunde gemacht.” Alex Rühle, Süddeutsche Zeitung, 24/06/2020

„Feinfühlig, vom ersten Moment an fesselnd und vielschichtig öffnet der Film den Blick für ein großes Problem unserer Gesellschaft. Dabei lenkt er in einer dramaturgisch sich verdichtenden Erzählung unsere Aufmerksamkeit behutsam auf das, was niemand sehen will: Die beklagenswerte Zeitlosigkeit des kapitalistischen Ausbeutungssystems manifestiert sich auch mitten in unserer Gesellschaft. Ohne zu predigen setzt der Film auf Beobachtung, Empathie und intellektuelle Durchdringung der Thematik. Durch seine filmische Versuchsanordnung gelingt der Regisseurin ein ganz eigener Zugang, der das Publikum aufgewühlt zurücklässt.“ Filmfestival Max Ophüls Preis, 25/01/2020 

„im Werk schuften Bulgaren, Rumänen und andere Osteuropäer gemeinsam: für den Großschlachter und Wurstverarbeiter Tönnies […] Dessen auf dem Dach rotierendes Logo (Schwein, Kuh und Bulle trotten fröhlich zum Schlachten) ist nach einem Corona-Ausbruch im Mai zum Symbol der miserablen Arbeits- und Wohnbedingungen der dortigen Leiharbeiter*innen geworden. Auch in Yulia Lokshinas Film kommt es vor. Doch die Münchener Regiestudentin hatte sich schon lange vor den Aktualitäten für die Sache interessiert, nachdem sie eine Pressenotiz über einen tödlichen Arbeitsunfall in einem Schlachtbetrieb gelesen hatte.“ Silvia Hallensleben, epd Film 25/09/2020 

„Grundsätzlich nimmt niemand in diesem Film ein Blatt vor den Mund: Die Situation der Arbeitsmigrant:innen ist beschissen. […] Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit zeigt Schlaglichter, die unterschiedliche Aspekte von Leiharbeit und Arbeitsmigration in der Fleischindustrie beleuchten. […] Yulia Lokshina zielt trotz der Tragik der beschriebenen Einzelschicksale nicht auf Mitleid für einzelne Personen ab, sondern macht anhand der Protagonist:innen strukturelle Probleme sichtbar. […] Die abstrakte Auseinandersetzung mit Brechts Kritik an Kapital, Staat und Religion durch die Schüler:innen greift Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit jeweils in den darauffolgenden Eindrücken der Arbeiter.innen und Aktivist:innen auf. Der thematische Zusammenhang ist offensichtlich, dennoch überlässt Lokshina ihrem Publikum die Einordnung, indem sie auf eine weitere Kommentierung verzichtet. Auf diese Weise nimmt sie die Zuschauer:innen mit in die Verantwortung und verleiht ihrem Dokumentarfilm eine nachhaltige Wirkung, die über die Spielzeit von 92 Minuten hinaus geht.“ Lea Gronenberg, Filmlöwin, 22/01/2020 

„Lokshinas Film zeigt nicht, wie zu erwarten wäre, die Arbeit mit toten Tieren, zeigt keine Schweine- und Rinderhälften. Stattdessen fokussiert die Kamera einerseits auf das Umfeld des Fleischkonzerns, lässt Leiharbeiterinnen und -arbeiter ebenso zu Wort kommen wie Kritiker der Fleischindustrie […] Hier die Nachfrage und der Konsum von möglichst billigem Fleisch, dort die gewinnbringende Billigproduktion zulasten osteuropäischer Leiharbeiter. Hier die Gedankenlosigkeit, dort das Leid. Ein Leid, über das eigentlich jeder Bescheid weiß“ Stefan Dege, Deutsche Welle, 26/06/2020

„Was sich wie ein schwarz-weiß angelegtes Lehrstück anhört, ist in Wirklichkeit ein kunstvoll gearbeitetes Mosaik aus klugen Fragen, präzisen Beobachtungen und filmischer Raffinesse. Dem Film gelingt ein Diskurs über die Warenwelt, in der wir uns laut Regisseurin ‚mit all unseren Illusionen und unserer Naivität selbst verorten können.‘“ Jan Sebening, DOKfest München

+15
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Awards
  • Best Documentary, Filmfestival Max Ophüls Preis, 2020 (Germany)
  • Megaherz Student Award, DOK.fest München, 2020 (Germany)
Cast & Credits
Darsteller 
Peter Kossen, Inge Bultschneider, Alexander Klessinger
Drehbuch 
Yulia Lokshina
Kamera 
Zeno Legner, Lilli Pongratz
Ton 
Andrew Mottl, Christoph Merkele
Produktion 
wirFILM
Verleih 
Trimafilm
Biografie

Yulia Lokshina ist 1986 in Moskau geboren. 2011 beginnt sie ihr Studium der Dokumentarfilmregie an der Hochschule für Fernsehen und Film München wo sie unter anderem die kurzen Dokumentarfilme After War (2017) und Tage der Jugend (2018) realisiert. Parallel dazu arbeitete sie am Forum Internationale Wissenschaft der Universität Bonn an audiovisuellen Projekten an der Schnittstelle zwischen Film und Wissenschaft sowie an Vorträgen und Publikationen zum Dokumentarischen. Ihr Diplomfilm Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit (2020) wurde auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis 2020 als bester Dokumentarfilm und beim DOK.fest München 2020 mit dem Megaherz Student Award ausgezeichnet.

Filmografie
  • 2020 – Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit (Dokumentarfilm)
  • 2017 – After War (Dokumentarkurzfilm)
  • 2016 – Tage der Jugend (Dokumentarkurzfilm)
  • 2014 – Run, don’t walk (Dokumentarkurzfilm)